Gegen das Vergessen

Je länger zeitlich der 8. Mai 1945, die größte Katastrophe in der deutschen Geschichte, hinter uns liegt, desto dreister und unverschämter gebärden sich unsere Feinde. Die damals unter keinen Umständen im Frieden mit uns leben wollten – siehe Polen – wurden von den USA, dem Hegemon der Siegermächte, mit dem Raub der ostdeutschen Länder belohnt. Selbstredend, daß von den Vasallen des 1949 gegründeten besatzungsrechtlichen Provisoriums BRD kein Widerstand zu erwarten war und zu erwarten ist, sondern im Gegenteil durch antideutsche Geschichtsfälschung und unablässige ekelerregende Büßerrituale Chauvinisten zu weiteren Forderungen ermuntert werden. So wird es verständlich, daß der Räuber und Vertreiber Polen sein himmelschreiendes Unrecht nicht wiedergutmachen, sondern es obendrein sich mit 1,3 Billionen Euro bezahlen lassen will! Ein Irrsinn? Gewiß, aber er ist real und zur Normalität geworden. Um so notwendiger ist unser Widerstand, ist das Weitergeben der tatsächlichen geschichtlichen Ereignisse durch noch lebende Zeitzeugen.

Wie alle Volksdeutschen erlitten auch die der Iglauer Sprachinsel das furchtbare Schicksal der Vertreibung. Um diese Erinnerung für die nachkommenden Deutschen wachzuhalten, gab einst V.H.O. (Vrij Historisch Onderzoek) in Berchem, Flandern, die Erlebnisberichte von Vertriebenen in Heften heraus, mit dem Titel „Gegen das Vergessen“. Da ich, der Autor dieses Berichtes, bei der Vertreibung erst ein halbes Jahr alt war und selbstverständlich keine Erinnerung daran habe, bat ich in den 80er Jahren meine liebe Tante, Käthe Schönmottel, ihre Erlebnisse niederzuschreiben. Sie ist 1911 geboren und 1995 zu den Ahnen gegangen.

Was ist die Iglauer Sprachinsel? Zu den geschlossenen Gebieten des Sudetenlandes im böhmisch-mährischen Raum gehörten zahlreiche deutsche Sprachinseln. Eine davon ist meine Heimat Iglau. Sie umfaßt ca. 400 Quadratkilometer, wurde im 13. Jahrhundert von Deutschen besiedelt und kultiviert und wies Mitte des letzten Jahrhunderts 70 bis 80 Dörfern auf.

Die jüngere deutsche Generation sollte sich verinnerlichen, daß alle Bewohner dieses böhmisch-mährischen Gebietes, einschließlich der deutschen Sprachinseln, seit mehr als tausend Jahre auf deutschem Hoheitsgebiete lebten. Wir gehörten folgenden Staatsverbänden an: Von 919 – 1806 dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Böhmen war selbständiges Königreich, Mähren eine Markgrafschaft; Böhmens Könige waren deutsche Kurfürsten. Von 1806 – 1866 zum Deutschen Bund, von 1867 – 1918 zum Österreich-Ungarischen Kaiserreich. Von 1918 – 1938 wurden wir in den von den Alliierten künstlich geschaffenen „Staat“ Tschechoslowakei gepreßt und mußten uns der tschechischen Repressalien erwehren. Erst das nationalsozialistische Deutsche Reich, dem wir von 1939 – 1945 angehörten, schützte uns. Dann, nach der militärischen Kapitulation, begann Not und Tod, Verfolgung und Vertreibung durch die Demokraten.

Davon berichtet nachfolgend meine Tante, erschienen in Heft Nr. 4 der V.H.O. Er gibt der jüngeren Generation einen kleinen Einblick, was die über 15 Millionen unserer vertriebenen Landsleute erdulden mußten, wobei diejenigen, die noch Zeugnis ablegen konnten, das Glück hatten, daß ihnen das Schicksal von ca. 4 Millionen Erschlagener erspart geblieben ist.

Vor und während des Krieges arbeitete ich bei der NSV als Säuglingsschwester und Volkspflegerin in Iglau. Das war unsere Kreisstadt. Die Arbeit machte mir viel Freude, weil es eine pflegerische Tätigkeit war. Ich betreute das streudeutsche Gebiet. Von Weihnachten 1943 bis zum Kriegsende im Mai 1945 kümmerte ich mich um die Umsiedler, die aus dem Osten kamen; auch viel Ukrainer waren darunter. Alle bekamen ein Essen aus der Gulaschkanone, die Säuglinge und Kleinkinder ein Fläschchen oder Griesbrei, bis sie wieder weiterzogen ins Innere des Landes und wieder andere kamen.

Am 8. Mai kam dann die Kapitulation. Unsere Verzweiflung brauche ich nicht zu schildern. Da hätte ich vielleicht noch zu meinen Lieben nach Schlappenz fahren können, aber ich konnte doch meine mir anvertrauten Leute nich verlassen, denn die Schulen und das Kino waren vollbelegt mit Müttern und Kindern. Die Tschechen und Russen hatten da schon ihren entsetzlichen Besuch gemacht.

Als ich am Morgen zu Ihnen kam, zeigte mir eine blasse Frau, die zuckerkrank war, eine kleine Schachtel mit Scherben. Das waren Ampullen gewesen, die sie wegen ihrer Zuckerkrankheit brauchte. Ein Tscheche hatte ihr die Schachtel weggenommen und darauf herungetrampelt. Ich wollte gleich in eine Apotheke gehen, um neue Ampullen zu besorgen, doch da wurde mir gesagt, daß keinem Deutschen etwas gegeben würde.

Ein etwa dreijähriges Kind war schon schwer krank, und seine Mutter flehte mich an, einen Arzt zu holen. Ich packte das Kind in eine Decke und trug es zu einer Ärztin, die noch da war. Die Ärzte hatte man schon hinausgeworfen. Die Ärztin entnahm dem Kind aus der Rückenpartie eine Flüssigkeitsprobe. Alles war voll Eiter, das Kind wimmerte nur mehr. Die Ärztin gab ihm keine Lebenschance. So mußte ich mit dem Kind zurückgehen zur Mutter. Was sollte ich ihr sagen? Ich war bis ins Tiefste meines Herzens erschüttert.

Zu dieser Zeit konnte ich Iglau nicht mehr verlassen, denn Züge fuhren keine mehr, und wenn ich mich zu Fuß durchschlagen wollte, wäre ich den Russen und tschechischen Partisanen in die Hände gefallen.

Mit Mitzi Swoboda und deren Eltern wohnte ich im gleichen Haus. Mitzi sollte alte Leute betreuen, aber es war gefährlich. Mitzi war erst 19 Jahre alt, aber ich schon 33. So übernahm ich noch die alten Leute. Alle zwanzig waren wegen ihres Alters auch noch sehr gebrechlich und fast alle bettlägerig. In einem Bett lag ein toter Mann, der in der Nacht gestorben war. Ich machte ihnen etwas zu essen, leider war fast nichts mehr da. Ich wußte nicht, an wen ich mich wenden sollte, um ihnen etwas zu besorgen. Die alten Leute bettelten, ich sollte wiederkommen und sie nicht vergessen. Ich versprach, solange es mir möglich ist zu kommen. Wenn ich ihnen auch nicht viel helfen konnte, so hatten sie doch das Bewußtsein, nicht allein gelassen zu werden.

Als ich nachhause kam, sagte mir der Herr Swoboda, Mitzi und ich müßten am Morgen ins Rathaus, wo uns eine Arbeit zugeteilt würde. Wir sollten entweder Besen oder Schaufel mitbringen. Als wir ins Rathaus kamen, sahen wir einen deutschen Soldaten, mit dem Gesicht zur Wand stehen. Er hat gemerkt, daß wir Deutsche sind. „Ihr seid deutsche Mädels, und es tut mir so leid, euch nicht helfen zu können“, sagte er. Wenn wir es nicht schon früher gefühlt hätte, daß wir Deutsche zusammengehören, besonders jetzt in Not und Elend, so jetzt. Seine Abstammung, Tradition, kann man nicht wegwerfen. Sie ist immer da, sie ist Schicksal.

Vom Bürgermeisteramt wurden wir in eine Schule gebracht, wo wir Strohsäcke stopfen mußten. Wir erfuhren, daß verwundete deutsche Soldaten hergebracht würden. Da haben wir die Strohsäcke besonders sorgfältig gefüllt. In zwei Tagen waren die Verwundeten da. Wir hatten nicht mehr viel daheim, aber das bißchen nahmen wir mit, um den armen verwundeten Soldaten, unseren Soldaten, etwas zu schenken. Sie freuten sich, trotz der Schmerzen, die mancher hatte, über ihre deutschen Mädchen.

Es dauerte aber nicht lange, als Herr Swoboda, der Vater der Mitzi, ganz aufgeregt kam und uns die Botschaft brachte, daß wir sofort heimkommen müßten, weil wir fortgeschickt würden. Als ich in mein Zimmer kam, war ein Tscheche da, der mir bedeutete, zusammenzupacken und mitzukommen. Meine Kleider waren weg, auch kein Strumpf mehr zu finden. Wertlose Kleinigkeiten, die naoch da waren, wollte ich doch mitnehmen, aber wie? Auch meine Tasche war nicht mehr da. Also habe ich etwas in die leichte Tischdecke gegeben, sie um die Habseligkeiten geknüpft, und so ging ich mit Familie Swoboda fort.

Die Deutschen wurden zum Sportplatz gebracht. Hier wurden wir nochmals durchsucht, ob wir nicht noch etwas Wertvolles haben. Ich hatte natürlich nichts, als ein Silberkettchen, das mir eine bekannte Frau als Andenken an ihren Sohn gegeben hatte, um es ihm auszuhändigen, wenn ich ihn träfe. Sogar bei dem Kettchen konnten die Tschechen nicht warten, bis ich es abgenommen hatte, sondern rissen es mir vom Halse. Das machten sie nicht nur bei mir, sondern bei allen anderen, die noch etwas bei sich oder an sich trugen.

Ich erwähnte noch gar nicht, wie schrecklich die Tage nach der Invasion der Russen waren. Ein russischer Panzer stellte sich gerade vor unsere Haustüre. Meistens am Abend klopften sie, und wir mußten ihnen aufmachen, das heißt, Herr Swoboda tat es. Mitzi und ich verkrochen uns immer in einen Winkel. Eine Bekannte von Swobodas mit ihren zwei Kindern kam zu uns, weil sie sich allein fürchtete. So saßen wir Abend für Abend da, vor Schrecken zitternd, daß die Russen wieder klopften. Mitzi und ich haben und Tücher um die Köpfe gewickelt, um alt auszusehen. Frau Skokan hatte ihre Kinder im Schlafzimmer zur Ruhe gelegt. Und wieder mußte HerrSwoboda den Russen öffnen. Diesmal war es nur einer, betrunken. Sofort ging er auf Frau Skokan zu undbedrängte sie. Ich hatte plötzlich so einen Zorn, ging zu ihm und sagte, er solle die Frau doch in Ruhe lassen, sie habe doch zwei Kinder. Nun gut, meinte er, dann kommst du. Ich konnte mich losreißen und stürmte die dunkle Treppe hinunter, der hinter mir her. Im Vorhaus hatten wir eine Mangel, hinter der ich mich verkroch. Der Russe machte kehrt und ging wieder zurück. Ich kauerte fast zwei Stunden in meinem Versteck, als ich dann den Russen das Haus verlassen hörte. Da kroch ich hervor und ging zurück. Ich ahnte schon, was geschehen war. Frau Skokan weinte verzweifelt. Der Russe hatte sie ins Schlafzimmer geschleppt und vor den Augen der Kinder vergewaltigt.

Wir waren schon die ganzen Nächte nicht mehr ins Bett zum Schlafen gekommen; wir hatten Tag und Nacht die Kleider an. Man kann sich vorstellen, wie dünn schon die Nerven waren. Eines Tages faßten wir den Entschluß: Sollten die Russen vor unserer Haustür nicht abziehen, wollten wir in die Wohnung der Frau Skokan gehen (die hatte nämlich einen Gasofen) und den Gashahn öffnen. Da wäre wenigstens mit einem Schlag alles aus. In der Nacht hörten wir ein Dröhnen von Panzern, und in der Frühe war auch der Panzer vor unserem Haus weg. Irgendeine Macht hat uns vor dem Letzten bewahrt.

Nun fahre ich mit meiner Schilderung wieder an der Stelle fort, als wir am Sportplatz waren. Nun hieß es Abmarsch nach Helenental. Das war eine alte, stillgelegte Fabrik, etwa drei Kilometer von Iglau entfernt. 3000 Personen kamen in das alte, baufällige Gebäude. Swoboda und ich waren beisammen. Unsere alte Hausfrau, Frau Schneller, war auch da. Sie war ein gutes, kleines, verhutzeltes Weiblein. Sie hatte nichts mitgenommen, als 1 kg Würfelzucker, von dem sie mir die Hälfte aufdrängte. Ich wollte nichts nehmen, aber da ist sie böse geworden, weil sie meinte, mir dankbar sein zu müssen. Wenn ich nämlich immer übers Wochenende nach Schlappenz gefahren bin, hatten mir meine Lieben, entweder Mutter oder Marie, stets eine Flasche Milch mitgegeben. Davon hatte ich Frau Schneller immer die Hälfte abgegeben. Ich hätte mich geschämt, dem armen, braven Weiberl nichts zu geben, denn sie brauchte etwas Kräftiges dringender als ich. Deshalb war sie so dankbar. Nächsten Tag habe ich sie nicht mehr gesehen, und man sagte mir, daß man sie mit einigen anderen nach Iglau gebracht hätte. Ich glaube, sie ist gestorben, denn für einen alten und gebrechlichen Menschen war das alles zuviel.

Und hat man in den 1. Stock der Fabrik verwiesen. Wir konnten nachts nicht liegen, sondern nur kauern. Ich hatte den Kopf auf meinen Pinkl [Bündel, d. V.] gestützt. Das machten auch Swobodas, nur hatten sie Taschen und Rucksäcke, weil sie daheim waren, als die Tschechen kamen und so wenigstens das retten konnten. Das Ärgste aber war, daß ich den Säuglingen mit den Müttern nicht helfen konnte. Sie kannten mich als Säuglingsschwester, und nun flehten sie mich an, ihrem Kind zu helfen; es wäre krank und hätte schon stundenlang nichts zu essen bekommen. Und ich konnte nicht helfen. Das war bitter.

Klosetts gab es da auch nur zwei für über 3000 Leute, und da schwamm schon alles. Da mußten die Männer einen Graben ausheben, mit einem Balken zum Sitzen darüber. Es hat uns auch gar nichts mehr ausgemacht, daß wir Männer und Frauen nebeneinander saßen. Alte Frauen und Männer hielten wir, damit sie nicht in die Grube fielen. Das Schlimmste aber war, wir hatten kein Papier zum Säubern; wir mußten nach Büscheln Gras ausschauen; das war bei den vielen Menschen aber auch sehr spärlich.

Plötzlich hieß es, wir würden an die österreichische Grenze gebracht. Und am nächsten Morgen gingen, teilweise torkelten wir ganz entkräftet. Die Russen und Tschechen knallten in der Gegend herum. Alte Leute blieben im Straßengraben liegen. Was mit ihnen geschah, man kann sich ’s denken. Daß wir bald an der österreichischen Grenze sein würden, gab uns die Kraft auszuhalten. Aber plötzlich hieß es: Halt! Wir müssen wieder zurück, und zwar nach Altenberg, da war auch ein Lager. Hier sollten wir warten, bis tschechische Bauern kamen, um uns als Arbeitskräfte zu haben.

Nächsten Tag kamen die Bauern mit Pferdewägen. Wir mußten uns aufstellen, damit sie uns taxieren konnten, ob wir auch für die Arbeit tauglich seien. Mitzis Eltern hat man nach Stannern ins Lager gebracht. Ein Bauer mir seinem Mitfahrer fand uns kräftig genug und nahm uns mit. Wir mußten auf dem Boden des Wagens Platz nehmen und so ging es einige Kilometer zum Hof des Bauern. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das Dorf hieß: Rosicka oder Podeschin. Unterwegs stichelten die Männer, zum Beispiel sagten sie, daß wir nun froh wären, wenn wir nicht Deutsche wären. Mitzi konnte nicht viel Tschechisch, aber ich genug, um ihnen zu antworten. Ich antwortete ihnen, daß ich im Gegenteil nichts anderes sein wollte, als Deutsche. Ich wollte keine Tschechin, keine Russin, Engländerin oder Amerikanerin sein, sondern nur Deutsche, und ich bin stolz darauf.

Endlich kamen wir auf dem Bauernhof an. Die alte Bäuerin war schon im Begriff ins Bett zu gehen. Wir waren so müde und hungrig. Die Bäuerin zeigte uns ein Bett, worin Mitzi und ich schlafen sollten. Dann stellte sie uns eine Schüssel mit Essen hin und beide gingen ins Bett. Wir waren froh, daß sie uns beim Essen nicht zusahen, denn wir stürzten uns mit Heißhunger darauf. War das doch wieder nach Tagen ein ordentliches Essen, nach Wassersuppe, die wir ab und zu erhalten hatten und die uns ständig hungern ließ.

In der Frühe weckte uns die Bäuerin. Nach dem Frühstück wuschen wir das Geschirr und räumten auf; dann gingen wir aufs Feld und streuten die Heuhaufen auseinander. Mit Trocknen verging der Tag. Nach den Erzählungen der Tschechen sollten in den Wäldern sich noch SS-Männer befinden. Da steckten Mitzi und ich jede ein Stück Brot heimlich ein. Wir hofften, irgendeinen SS-Mann zu treffen, um es ihm zu geben. Wir hätten uns so sehr gefreut, wären wir uns doch nicht so allein vorgekommen unter den Tschechen. Aber leider war weit und breit nichts, kein deutscher Soldat.

Wir haben gestaunt, als wir in unser zugewiesenen Schlafkammer einige Säcke vorfanden. Wo wir Deutsche kein Stäubchen Mehl übrig hatten und auch nicht andere Lebensmittel, waren hier Säcke mit Zucker, Mehl, Gries und anderen Sachen. So ‚schlecht‘ ging es den Tschechen: Sie brauchten nicht einzurücken und konnten Lebensmittel nur so horten.

Eines Tages, als Mitzi und ich wieder beim Geschirrwaschen waren, kam ein tschechischer Partisan, halb war er mit deutscher Uniform und Knobelbechern bekleidet, und fragte nach mir (nach der Schönmottelowia), der Lehrerin. Ich sagte, das bin ich. Sofort mußte ich mich an die Wand stellen, und schon fing er an, mich mit der Faust zu schlagen. Mit dem Fuß stieß er mich in den Bauch, mit der Faust ins Gesicht. Die alte Bäuerin sagte ihm, daß er mich lassen soll, ich wäre brav und arbeitssam. Darauf wurde er böse und sagte zu ihr, sie solle doch den Mund halten, sonst erginge es ihr so wie mir. Dann packte er mich und stieß mich auf den Hof. Dort pflanzte er das Gewehr auf und sagte, ich solle in die Gerätekammer gehen, dort würde er endgültig Schluß mit mir machen. Da war die Bäuerin wieder da und sagte, er solle es doch nicht hier machen, sie könnte sonst nicht mehr in die Gerätekammer gehen. Da senkte er das Gewehr und meinte, ich würde ihm schon nicht entkommen, denn solche Subjekte müßten mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. In ein paar Tagen müßten wir nach Stannern ins Lager gehen, und dort würde er mich schon finden. Dann ging er.

An diesem Abend kam die Tochter der Bäuerin mit ihrem vierjährigen Kind und sagte zu uns, alle Deutschen, ob Kind oder Greis, müßten auf eine glühende Platte gesetzt und geröstet werden, worauf ich sagte, doch nicht Kinder und Greise. ‚Doch, alle!‘, meinte sie. Ich meinte zu ihr, sie solle mich doch ansehen, wie mich der Partisan zugerichtet habe, und trotzdem könnte ich doch einem tschechischen Kind nichts antun. Hier sieht man die verschiedene Mentalität unserer beiden Völker.

Nach drei Tagen hieß es, wir müßten fort nach Stannern ins Lager. Zu dieser Zeit hatte ich schon einen Rucksack, den ich gefunden hatte. Auch andere Sachen lagen unterwegs, weil die meisten Deutschen bereitszu erschöpft waren, um noch etwas zu tragen. Hier gab es kein Dach über dem Kopf, wir mußten im Freien übernachten.

In der Frühe ließ der Partisan mich ausrufen. Ich verabschiedete mich von Swobodas. Die weinten, weil sie, so wie auch ich, meinten, daß ich nicht mehr zurückkommen würde. Den Rucksack ließ ich ihnen dort und bat sie, die Habseligkeiten meinen Angehörigen zu geben, wenn es ihnen möglich wäre, mit vielen innigen Grüßen. Sie sollten nicht traurig sein, denn für ein Ideal zu sterben wäre nicht schwer. So wurde ich dann in die Kommandantur geführt. Da wurde ich über Verschiedenes gefragt. Dann kam wieder der Partisan. Das Gewehr hatte er bei sich. Er stieß mich nebenan in einen finsteren Raum, und da dachte ich, nun ist es Schluß. Aber er setzte mich wieder an die Wand und schlug mich. Dann holte er einen anderen Mann herein und deutete ihm an, er könne mir auch noch ein paar Hiebe geben. Dazu meinte er, mich könne man erschlagen, ich würde keinen Muckser machen. Schreien und denen Genugtuung verschaffen, das wollte ich nicht. Ich war aber auch schon nicht mehr richtig bei Bewußtsein. Ich bin auf den Fußboden gerutscht, alles drehte sich um mich, meine Hand war voll Blut, das war vom Mund. Die Lippe war aufgeschlagen und einige Zähne ausgeschlagen. Die Zwei packten mich und warfen mich über fünf Stufen auf die Straße. Hier kauerte ich eine Weile, bis ich wieder richtig zu mir kam, und sonderbarerweise zählte ich die Stufen. Nach dem zweiten Versuch gelang es mir aufzustehen und zum Lager zu torkeln. Swobodas lachten und weinten vor Freude, als sie mich sahen. Nun ist alles gut, meinten sie.

In Stannern waren noch einige Deutsche, und die kochten Kartoffeln, um sie uns durch den Zaun zuzustecken. Mitzi und ich trauten sich nicht, auch ein paar Kartoffeln zu holen, denn die Kinder brauchten sie nötiger. Plötzlich kam der Befehl, keiner darf mehr zum Zaun gehen; wer sich an den Befehl nicht halte, werde erschossen. Nächsten Morgen hörten wir mehrere Schüsse, und Frau Riedl, eine junge Frau, wurde erschossen. Sie hatte ein vierjähriges Kind, und für das hatte sie ein paar Kartoffeln holen wollen. Das war für die Tschechen Grund genug, eine junge Frau und Mutter zu erschießen. Nun ja, sie war bloß eine Deutsche, die man wahllos ermorden konnte. Ihr Mann war im Feld, doch zum Glück war eine Schwester mit ihr da, die hat das Kind zu sich genommen. An diesem Tag sahen wir noch drei Karren mit Toten, die aus dem Lager transportiert wurden. Wir wußten nicht, ob sie gestorben oder erschossen worden sind.

Dann hieß es, wir müßten losziehen an die österreichische Grenze. Diesmal trauten wir der Sache nicht, denn wir wurden ja schon einmal getäuscht, als der jüdische Kommandant Meisel von Iglau unseren Marsch anordnete. Die Männer mußten sich zuerst anstellen, dann kamen wir Frauen. Bei uns war auch eine hochschwangere Frau. Ihr Mann war vorn in der Reihe der Männer. Er ist nicht zum Militär eingezogen worden, weil er sehr herzkrank war; er war blaß und hatte blaue Lippen. Am Wege, wo die Männer gehen mußten, standen zehn Tschechen, auf jeder Seite fünf. Jeder hatte eine Peitsche oder Knute in der Hand. Mit den Männern mußten auch schon dreizehn-, ja zwölfjährige Jungen gehen. Da mußten sie alle durch. Je langsamer sie durchkamen, desto mehr Peitschenhiebe empfingen sie. Ich sehe im Geiste jetzt noch die Jungen weinend laufen. Der Mann der schwangeren Frau konnte nicht laufen; der bekam ein paar Schläge auch ins Gesicht. Er blutete aus der Nase, und die Wangen waren aufgeplatzt. Seine Frau wollte zu ihm, weil er hingefallen ist, doch sie wurde zurückgezerrt und mußte weitergehen wie wir. Was dann aus dem Mann und der Frau weiter geschehen ist, weiß ich nicht mehr.

Wir waren alle schon so entkräftet, daß nach einigen Kilometern die Straße vor unseren Augen hin und her schwankte. Ab und zu sah man jemanden im Straßengraben kauern, meistens alte Leute. Hingehen durfte niemand, als Drohung wurde geschossen, in die Luft oder auf Marterlkreuze, die in unserer Heimat gebräuchlich waren.

Nach stundenlangem Gehen kamen wir endlich an die österreichische Grenze, doch befürchteten wir, daß man uns wieder zurückjagen würde. Aber wir waren wirklich plötzlich in Österreich. Wir waren so glücklich. Keine Knute hinter uns, kein Gewehr. Aber auch kein Haus war da, nur ein Stadel in der Nähe, auf den wir zusteuerten. Er war fast leer, nur ein bißchen Stroh war noch da. Das teilten wir redlich und fielen bald in Schlaf.

In der Frühe redete uns ein Mann an, wir müßten ins Innere des Landes. Er gab uns vom Bürgermeister einen Berechtigungsschein, mit dem wir kostenlos mit dem Zug fahren konnten. So machten wir uns auf den Weg zur nächsten Eisenbahnhaltestelle. Das war Schwarzenau. Ich kannte mich hier ein wenig aus, weil ich drei Jahre lang als Säuglingsschwester und Sachbearbeiterin für Mutter und Kind tätig war. In Schwarzenau am Bahnhof sah ich plötzlich einen Tschechen aus Schlappenz. Ich stürzte auf ihn zu, um ihn zu fragen, was mit meinen Angehörigen ist, ob sie noch daheim sind oder auch schon fort mußten. Das konnte er mir nicht sagen, aber er wußte nur, daß es dort furchtbar zuginge. Ich war ganz verzweifelt und hatte nur den einen Gedanken: Hoffentlich leben sie alle.

Im Zug gingen einheimische Bauern und Bäuerinnen herum, um Leute für ihre bäuerliche Arbeit zu suchen. Eine Frau aus Schafberg bei Grafenschlag veranlaßte Swobodas und mich mit ihr zu kommen. Wir landeten also in Schafberg. Swobodas in einem Bauernhof bei einer Witwe mit einem Kind, und ich in einer kleineren Bauernwirtschaft.

Da waren wir ein Jahr. Zu essen hatten wir genug, doch mit der Kleidung sah es schlecht aus. Strümpfe hatte ich überhaupt keine, nur ein paar Kniestrümpfe, die mir ein Soldat schenkte, der sich bis Schafberg durchgeschlagen hatte. Er wollte, daß wir uns gemeinsam bis zum Rhein durchschlagen sollten. Ich wäre mit ihm gegangen, aber ich würde mich von meinen Lieben immer weiter entfernen und das konnte ich nicht. Ich mußte doch nach ihnen forschen.

Es war schon Herbst. Die Tage waren kalt, und mich fror es an den Knien. Eines Tages hing am Gartenzaun eine Soldatenhose. Da dachte ich, das wäre gerade etwas für mich. Ich holte sie herein, probierte sie, und sie paßte ganz gut. Dann aber untersuchte ich sie genauer und stellte fest, daß sie verlaust war. Aber ich brauchte sie dringend. Was also tun? Da meinte Frau Wäpperer, die Bäuerin, , man müßte sie, jede einzelne Falte, ganz heiß bügeln. So habe ich die Hose erst einmal ganz ordentlich gewaschen und dann gebügelt. Dann habe ich sie wieder gewaschen und siehe da, die Läuse waren vernichtet, und ich hatte etwas warmes um die Beine. Wenn ich heute daran denke, ich müßte so etwas anziehen, sträuben sich mir die Haare. Doch jetzt, wo wir den Tschechen entronnen waren, setzte sich der Selbsterhaltungstrieb wieder durch.

Mit Arbeit auf Feld und Wiese verging ein Jahr. Von meinen Lieben wußte ich immer noch nichts, und das belastete mich sehr. Auf einmal kam von den Russen der Befehl, wir müßten von Österreich hinaus und nach Deutschland. Das war für uns keine Hiobsbotschaft, sondern eine freudige Nachricht. Deutschland, das war für uns nicht nur ein Wort, sondern der ruhende Pol, aus dem die Wurzeln jedes Deutschen kamen, und mochte er aus Polen, der Tschechei oder sonst woher kommen. Ich bin als junges Mädchen viel gewandert, zu Fuß und mit dem Fahrrad, und es hat mir immer weh getan, wenn ein ‚Reichsdeutscher‘ fragte, wieso ich so gut Deutsch spräche und ich sagen mußte, daß ich doch Deutsche war. Sie dachten, wenn ich aus der Tschechei komme, müßte ich Tschechin sein. Dabei waren wir doch über drei Millionen Deutsche in der Tschechei. Erst im 3. Reich hat sich das geändert, da waren wir nicht mehr so verlassen, sondern wir gehörten in die große deutsche Familie.. Dieses beglückende Gefühl können wohl nur wir haben, weil wir uns erst durch Standhaftigkeit und Entbehrungen bewähren mußten. Deshalb kann ich nicht auf die Zeit schimpfen, nicht auf die 12 Jahre des 3. Reiches. Jede Ethik ist heute verschwunden. Jeder möchte nur einen schönen Posten und viel Geld. Gefühl und ideelles Denken sind nicht gefragt. Deutschland wird nur als Melkkuh für die ganze Welt gehandelt.

Ein Bauerngespann holte uns und brachte uns zu einer Sammelstelle, und zwar nach Melk an der Donau. Hier waren wir etwa fünf Tage. Nachher wurden wir auf Viehwaggons verladen und weitertransportiert.Inzwischen sind wir auch auf Niedermirtels Hella gestoßen. Jetzt waren wir schon fünf Personen. Wir bekamen jetzt auch ein Stück Brot mit Wurst, sodaß wir nicht zu sehr hungern mußten. Der Zug bewegte sich nur langsam weiter. Immer wieder blieb er stehen, und wir kamen nur mühsam zu unserem nächsten Lager: In die Teufelsklinge im Odenwald.

Wir waren glücklich, endlich in Deutschland zu sein. Hier wurden wir verpflegt und nach drei oder vier Tagen nach Walldürn gebracht. Als uns einer vom Verteilkomitee fragte, woher wir kämen, und wir Iglau angaben, da meinte er, das wäre doch der Heimatort des Dichters Karl Hans Strobl. Wir waren so stolz, daß unser Strobl auch hier bekannt war.; er war Heimatdichter, als auch Dichter für die ganze Nation. In Walldürn wurde uns ein Mädchen zugeteilt, das uns zu unserer vorläufigen Bleibe bringen sollte. Sie brachte uns zur Familie Stumpf; das war ein altes Ehepaar mit einer ihrer alten Schwester. Die waren über unser Erscheinen ganz erschrocken und ließen uns erst gar nicht eintreten. Wir boten ja auch keinen angenehmen Anblick. Wir waren schmutzig und ungepflegt, sodaß die Leute den Eindruck gewinnen mußten, wir wären Zigeuner.Sie sagten auch, sie nähmen uns nicht, und dazu noch fünf Personen, nein! So gingen wir wieder zurück in den Gasthof, wo die Männer waren, die uns einteilten. Nun mußte ein Polizist mit uns gehen und den Stumpfs klarmachen, daß sie uns nehmen müßten, andernfalls bekämen sie eine große Familie mit vielen Kindern. So durften wir bleiben, aber erniedrigend war es für uns doch.

Die Swoboda-Eltern konnten in einem Raum schlafen und wir anderen in einem zweiten. In jedem Raum waren zwei Betten. Wir drei, Mitzi, Hella und ich, teilten uns so ein, daß jede dritte Nacht eine von uns alleine schlafen konnte; sonst mußten wir zu zeit schlafen. Die Betten waren gut und mit gutem Bettzeug bestückt, sodaß wir auch zu zweit gut schliefen; und nun konnten wir uns auch ausreichend waschen. Das hat uns wieder aufgerichtet, und wir kamen uns nicht mehr so erbärmlich vor.

Übernächsten Tag mußten wir zum Bürgermeisteramt. Hier bekamen wir jeder ein Eßbesteck und wurden zur Arbeit eingeteilt, und zwar mußten wir im Wald Bäumchen setzen. Inzwischen hatten wir auch unsere Brotmarken bekommen. Frau Swoboda konnte zuhause bleiben; sie kochte für uns. So gingen wir in den Wald. Für Mittag hatten wir eine Blechdose, wie die Soldaten sie hatten, mit Suppe. Damit auch jeder von uns die gleiche Menge bekäme, durfte jede reihum einen Schöpflöffel Fassen. Wir waren nach der Mahlzeit natürlich nicht satt. Für alle drei das Wenige und die Arbeit, das war nicht leicht. Später mußten wir die Äste von den gefällten Bäumen schlagen, das was noch schwerer. Nach einer gewissen Zeit war die Arbeit im Wald getan und wir konnten uns um eine andere Arbeit umsehen. Für ein Handarbeitsgeschäft häkelten Mitzi und ich Tischdecken. Hella war in einem Haushalt und nähte.

Eines Tages beglückte mich eine wunderbare Nachricht, die Hella überbrachte: Sie hatte von ihren Leuten erfahren, wo sich meine Lieben aufhielten, und zwar in Lengenwang im Allgäu. Den nächsten Tag bekam ich auch einen Brief von meiner Schwester Marie. Ich war glücklich, und alles war nicht mehr schwer für mich; ich konnte sie alle wieder sehen. Am nächsten Tag fuhr ich auf Besuch nach Lengenwang. Nach den furchtbaren Erlebnissen und der Ungewißheit war es ein unbeschreibliches Gefühl, alle in die Arme schließen zu können.

Nach ein paar Tagen mußte ich wieder nach Walldürn zurück, weil ich nur dort Verpflegungsmarken bekam. Marie und ich bemühten uns, für mich eine Zuzugsgenehmigung zu bekommen, doch es war vergebens. Im Herbst 1946 schrieb mir Marie, daß die Mutter nicht recht auf dem Posten wäre. Ich hatte große Sorge um sie und bemühte mich abermals um Überstellung der Verpflegungsmarken nach Lengenwang, doch wieder vergebens. Bis ich vom Vater einen Brief erhielt, den einzigen, den er mir je schrieb. Darin hieß es, Mutter sei sehr krank, ich solle auch ohne Marken kommen. Da wußte ich, daß es um Mutter sehr schlecht stand. Ich packte gleich meine Habseligkeiten und nächsten Tag fuhr ich nach Lengenwang. Es war schrecklich. Alle Züge waren vollgestopft. In Würzburg mußten wir aussteigen und auf den nächsten Zug warten, der erst viele Stunden später eintraf. Und wenn nicht ein Eisenbahner dagewesen wäre, dem ich leid tat, hätte ich noch weitere Stunden warten müssen. Er lotste mich in den Zug hinein (es wurde sogar durchs Fenster eingestiegen). Ich war dem Eisenbahner so dankbar, denn ich mußte immerfort an Mutter denken und wie es ihr wohl ginge. Die Abteile der Züge waren vollgestopft. Ich mit vielen anderen saß auf dem Fußboden. Es ging nur langsam vorwärts. Endlich, um 19:30 Uhr war ich in Lengenwang.

Mutter konnte mich schier nicht mehr erwarten. Abholen vom Bahnhof kam mich meine liebe Schwester Marie. Ich war ihr sehr dankbar, daß sie mich auf den Zustand der Mutter vorbereitete, denn Mutter war sterbenskrank. Ich kann nicht beschreiben, wie mir zumute war, als ich Mutter sah. Wie mir Vater und Mitzi sagten, konnte sie mich kaum erwarten; bei jedem ankommenden Zug hatte Vater aus dem Fenster sehen müssen, ob ich nicht doch schon käme. Nachdem wir uns noch einmal gesehen hatten, konnte sie friedlich sterben. Drei Stunden nach meinem Eintreffen schloss sie für immer ihre lieben guten Augen. Vater, Marie und ich wußten, daß wir unsere treueste Seele verloren hatten. Richtig begriffen habe ich es erst, als sie nicht mehr da war. Man mußte sich zusammenreißen und weitermachen, trotz Hunger und anderer vieler Entbehrungen. Wie es dann weiterging, das wißt ihr.

Mein Lieblingsdichter Friedrich Schiller hat mich immer getröstet, deshalb hier seine Worte aus Wilhelm Tell:

O lerne fühlen, welches Stamms du bist!
Wirf nicht für eitlen Glanz und Flitterschein
die echte Perle deines Wertes hin –
Das Haupt zu heißen eines freien Volks (…),
das sei dein Stolz, des Adels rühme dich.
Die angebornen Bande knüpfe fest,
ans Vaterland, ans teure, schließ dich an,
das halte fest mit deinem ganzem Herzen.
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft!

Was ich vom Vater und meiner Schwester Marie erzählt bekommen habe, will ich kurz berichten:

Schwager Hans erlebte das Kriegsende beim Militär, die andern, nämlich Vater, Mutter, Marie und ihre vier Kinder, lebten in Schlappenz auf dem Bauernhof meines Schwagers Hans. Nachdem die Tschechen und Russen machen konnten was sie wollten, war es furchtbar. Sie betraken sich, randalierten und warfen mit Flaschen um sich. Einmal lag die eineinhalbjährige Traudl im Nebenzimmer und schlief. Auf einmal hörten sie einen lauten Schlag aus dem Zimmer und das Weinen der Kleinen. Als Marie und Mutter ins Zimmer kamen, sahen sie, daß das Fenster eingeschlagen war, und eine Flasche und Glassplitter vom Fenster lagen in Traudls Korbbettchen. Es war ein großes Glück, daß fast alles am Fußende lag, sonst wäre sie wohl erschlagen worden.

Der Nachbar von Heuschneiders (meines Schwagers Familie) kam oft zum Vater. Er war so unruhig und befürchtete alles Böse, wie er meinem Vater klagte. Er war zunächst auch eingerückt, aber nachdem auch er eine Landwirtschaft hatte und seine Mutter allein war, hat sie meinen Schwager gebeten, sich doch einzusetzen, daß er heimkommen könne. Das gelang ihm tatsächlich. Doch ein paar Tage darauf holten ihn die Tschechen ab und brachten ihn in die Kommandantur. Von dort kam er nicht mehr zurück. Sie schlugen ihn auf alle Körperteile, daß ihm ein ganzer Hautlappen vom Kopf bis über die Augen hing. Dann fuhren ihn die Tschechen ein Stück außerhalb des Ortes, stießen ihn aus dem Wagen und da ist er gestorben. Ein alter Tscheche, der sich noch ein wenig Menschlichkeit bewahrt hatte, erzählte das dem Vater. Ferner sagte er noch, daß der Erschlagene gewimmert hat: ‚Mutter, warum hast Du mich nur heimgenommen‘. Der alte Tscheche durfte ihm auch nicht helfen und mußte ihn im Straßenstaub sterben lassen, nur weil er ein Deutscher war.

In Schlappenz war auch ein Teich, das heißt eine Art Tümpel, und an einem Morgen fand man darin zwei Frauenleichen, ermordet. Eine davon war die Lehrerin, die andere die Handarbeitslehrerin oder Kindergärtnerin. Das weiß ich nicht mehr genau. Gottlob, daß wenigstens die Kinder nicht das Grauen erfahren mußten wie die Erwachsenen; die Kinder verstanden das noch nicht.

Eines Tages bekamen sie Bescheid, daß sie fort müßten, und zwar nach Rositschka mitten im Tschechischen. Mitnehmen durften sie pro Person eine gewisse Menge. Was das im Einzelnen war, weiß ich nicht mehr genau. So war der Vater als Knecht, Schwester Marie als Magd, und die Mutter kümmerte sich um die Kinder und mußte die andere Hausarbeit machen, wie Geschirr waschen, Kartoffeln für das Vieh holen und dergleichen. Vater schlief in einer Kammer neben dem Stall; daheim sagten wir ‚Kästl‘ dazu. Die Frauen schliefen mit den Kindern in einem Zimmer, zum Teil am Fußboden.

Einmal mußte Vater den alten und jungen Bauern zu Verwandten in ein Nachbardorf fahren. Vater mußte ja die weiße Binde am Arm tragen. Als sie ins Dorf kamen, bewarfen halbwüchsige Jungen Vater mit Steinen. Der junge Bauer scherte sich nicht darum, es war ihm gleichgültig, ob Vater verletzt würde oder nicht. Erst der alte Bauer jagte die Buben fort. Auch erzählte der alte Bauer, daß sich während des Krieges in der Nähe von Roscka deutsche Soldaten aufhielten. Die hatten am Waldrand eine Gulaschkanone. Nicht nur die Soldaten bekamen ihr Essen, sondern sie luden auch tschechische Frauen ein, sich einen Teil zu holen, was diese auch taten. Bis eines Tages Partisanen am Wald aufgetaucht waren und die deutschen Soldaten, die vorher noch ihre Frauen verpflegt hatten, hinterrücks erschossen. Von da an gab es natürlich für die Frauen nichts mehr.

In Bergersdorf, in der Nähe von Schlappenz, wurden zehn Männer in den Wald getrieben. Hier mußten sie ein großes Loch graben, und dann wurden sie erschossen. Einige von ihnen habe ich gekannt. Mein Lehrer aus der Volksschule war auch dabei. Ein Tscheche hatte es aus der Ferne beobachtet. Er erzählte es seiner Frau, der Frau Beer.1

Noch von vielen anderen Grausamkeiten habe ich von meinen Leidensgenossen gehört. Da mußten einige Deutsche ihren eigenen Kot essen. Anderen sind Streichhölzer unter die Fingernägel geschlagen worden. Einen Mann habe ich gesehen, dessen Fingernägel davon verstümmelt waren.

Höbels Rudl ist über Prag nachhause, nach Lengenwang, gekommen. Da hat er mir seine Erlebnisse erzählt; die waren furchtbar genug. In Prag sah er, wie die Tschechen deutsche Soldaten mit den Füßen nach oben aufhängten, mit Teer beschmierten und anzündeten. Er war von der Tapferkeit der Soldaten tief beeindruckt. Keiner hat geschrien oder um sein Leben gebettelt. Die meisten sagten: ‚Es lebe Deutschland!‘ oder ‚Ich liebe Deutschland‘. Die hohen Ideale, die sie hatten, ließen sie so gefaßt sterben. Die brauchten nicht ‚die Gnade der späten Geburt‘, wie Kohl oder Weizsäcker mit ihrer steten Reuebereitschaft unsere Soldaten verunglimpften. Für ihre Pfründe tun sie schamlos eben alles.

Ich möchte meine Aufzeichnung mit einem Aufruf von Ernst Moritz Arndt beenden:

Auf denn, redlicher Deutscher! Bete täglich zu Gott, daß er dir das Herz mit Stärke fülle und deine Seele entflamme mit Zuversicht und Mut. Daß keine Liebe dir heiliger sei, als die Liebe zum Vaterland, und keine Freude dir süßer, als die Freude der Freiheit. Damit du wieder gewinnest, worum dich Verräter betrogen, und mit Blut erwerbest, was Toren versäumten. Denn der Sklav‘ ist ein listiges und geiziges Tier, und der Mensch ohne Vaterland der unseligste von allen.‘“

gezeichnet

Käthe Schönmottel

1Fast 15 Jahre nach dem Ableben meiner lieben Tante Käthe Schönmottel wurde das Massengrab in Bergersdorf entdeckt und die Überreste der deutschen Opfer exhumiert. Unter der Überschrift „Was verrät das Grab von Bergersdorf?“ schrieb die Passauer Neue Presse vom 18. 8. 2010 u.a.: „Tschechische Ermittler hielten ihren Verdacht für begründet, daß auf einer Wiese der einstigen Iglauer Sprachinsel in der Nacht zum 20. Mai 1945 mindestens 11, möglicherweise auch fünfzehn wahllos zusammengetriebene deutsche Bauern von betrunkenen Revolutionsgardisten massakriert und verscharrt wurden.“

Hier ist der Hinweis angebracht, daß zwar eine zögernde Teil-Aufarbeitung stattgefunden hat, die Verbrecher aber noch immer versteckt entschuldigt werden. Denn die Mörder waren nicht betrunkene „Revolutionsgardisten“, sondern feige Partisanen, die nach der HLKO als Verbrecher standrechtlich hingerichtet werden durften.

5 Gedanken zu “Gegen das Vergessen

  1. Mein Großvater wurde von den Tschechen in das Lager Striemitz bei Brüx gesteckt und mußte bis zur Rente als Betriebselektriker im Bergbau arbeiten. Danach durfte er mit der Familie ausreisen.

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  2. Hier ein Kommentar einer Dame zu diesem Artikel, den sie auf einer anderen Seite veröffentlicht hat mit der Bitte um Weiterleitung. Dieser Bitte komme ich gerne nach.

    „Vielen lieben Dank Herr Heuschneider für diese Zeitreise.

    Ich machte mir gestern, nachdem ich das gelesen hatte, den ganzen Tag Gedanken darüber und bin dadurch auf so manches Manko in meiner eigenen Herkunft-Familie und auch, was gerade in unserem Deutschen Volk vorgeht, gestoßen.

    Z.B. hat meine Großmutter zeitlebens ihre eigene Vertreibung aus Bessarabien nicht verarbeitet, sie sprach zwar immer von der guten alten Heimat, jedoch auch davon, dass in der Warthegau, auf dem Hof der ihnen irgendwann zugewiesen wurde, die Betten von der Polnischen Familie noch warm waren.

    Sie hat immer das Elend der Anderen vor das Eigene gestellt, aber nur dadurch konnte sie ihr eigenes Trauma (Flucht, Vertreibung und Vergewaltigung von 15 Russen) wegschließen in ihrer Seele und konnte es nur dadurch nicht mehr sichbar machen.
    Für diese arme Frau, die 12 Kinder zur Welt brachte, eines davon musste sie im Straßengraben unter Schnee begraben, weil es auf der Flucht im Kinderwagen erforen und verhungert war, Sie später sogar mehrere Selbsmordversuche hinter sich hatte, für sie war immer und an allem der böse Herr Hitler schuld.
    Politik war und ist auch heute noch, ein großes Tabu in meiner Familie, meine Mutter bekommt sofort Schnappatmung und fängt an zu schreien und zu zetern. Aber warum sie das tut, damit will sie sich gar nicht auseinandersetzen?

    Und ich glaube, dass dies, womit meine Oma ihr Trauma verarbeiten wollte, auch das selbe Phänomen ist, welches wir tagtäglich sehen können in unserem deutschen Volke.
    Uns Deutschen wurde verboten zu trauern, stattdessen wurden die Juden als „Stellvertreter“ installiert. Und nun haben wir die Misere, dass wir uns für die ganze Welt verantwortlich fühlen dürfen und dieses nur, damit wir selbst den eigenen Schmerz nicht fühlen müssen.

    Immer wenn ich solche selsamen und unlogische „Zeitzeugenberichte“ von Juden (erst neulich in Nürnberg) lese oder höre, dann kommt mir sofort in den Sinn, dass doch das selbe meinen eigenen Vorfahren geschehen ist und dafür gibt es genügend Zeitzeugenberichte, sogar welche, die sich nicht in sich selbst widersprechen!

    Ist das nicht seltsam?
    Kann es vielleicht sogar sein, dass diese ((Jene)) unsere furchtbare Geschichte einfach nur gestohlen haben?
    Und wenn nicht, also wenn ((Jenen)) wirklich das selbe geschehen ist wie uns Deutschen (z.B. auf Viehwaggons transportiert, an den Beinen aufgehängt und angezündet, an Scheunentore genagelt; die Zungen auf Tischen angenagelt; Frauen und Kinder furchtbar vergewaltigt wurden etct),
    warum dürfen wir dann nicht aufrechnen und endlich einmal Frieden schließen?

    Ach ja, ich hatte kurz vergessen, dass ja Aufrechnen ein Tatbestand des Paragraphen 130 darstellt!

    Danke lieber Herr Heuschneider, herzlichen Dank dass es sie gibt
    Alles liebe
    Bettina

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    • Ich habe Ihnen zu danken, liebe Frau Bettina. Und ich bin glücklich, daß es in der jüngeren Generation noch Deutsche gibt,, die Ideale haben und sich bewußt sind, daß der Mensch – gerade im Unglück! – eine Heimat haben muß. Diese Heimat aber kann nur das Vaterland und die noch deutsch gebliebenen , sich gegenseitig stützenden Menschen sein.

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  3. Das ist derart verachtend und diabolisch, daß man es sich kaum vorzustellen vermag! Wir sind mitten im Dritten, gegen Deutschland gerichteten Weltkrieg und die Mehrheit versteht es gar nicht, befindet sich in einem Rausch, „steht zur Ukraine“ und lebt vor sich dahin. Wie viele Menschen sind überhaupt bereitwillig, solche grauenhafte Zeugenberichte, wie die oben geschilderten, sachlich zur Kenntnis zu nehmen? Ich sehe leider eine noch lang andauernde, düstere Zeit für uns, wenn sich nicht das Blatt irgendwie noch zum Guten wendet. Dies kann nicht durch „Auf die Straßen gehen“ zustande kommen, da braucht man sich nichts vorzumachen. Auch die DDR ist nicht „gefallen“, weil ein paar Hundert, vermutlich aus dem Westen eingeschleuster Demonstranten auf die Straße gingen. Wenn es so leicht wäre, gäbe es die BRD schon lange nicht mehr (allein die letzten zwei Jahren sind bundesweit schätzungsweise Millionen draußen gewesen, und was hat es gebracht?). Das einzige, was man meines Erachtens tun kann, ist Eigensicherung und Selbstfürsorge, zu versuchen, diese dämonische Zeit zu überleben und dabei Kultur und Tradition bewahren, um sie an die Nachkommen weiterzugeben. „Aus einem Samen kann ein Wald entstehen.“

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